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  • Hans Jacob

Der 1. Einsatz in Kinshasa, Juli 2019

Aktualisiert: 5. Juli 2021

Der Kongo ist an Bodenschätzen das reichste Land der Welt, das Volk aber das ärmste und rückständigste, weil es wegen der allgegenwärtigen Korruption (Präsident Joseph Kabila hat $ 15 Milliarden in der Schweiz gebunkert) keinerlei Unterstützung und Investitionen aus dem Westen bekommt. Lediglich China kauft sich durch den Bau von Straßen und Gebäuden im Kongo ein - mit Sicht auf mögliche Diamanten und Coltan für ihre Computer und Handys. Die 12-Millionenstadt Kinshasa besteht aus einem kleinen westlichen Zentrum am Kongofluss und unzähligen chaotischen Vororten auf den umliegenden Hügeln, allerdings bei sehr angenehmem Klima.


Im Kongo, dessen Gebiet so groß wie West-Europa ist und 80 Mio. Einwohner zählt, kommt 1 Arzt auf 10.000 Einwohner. Beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) und dem Human Development Index (HDI) steht es an drittletzter Stelle aller Länder vor Mozambique und Niger.


Unser Team bestand aus dem plastischen Chirurgen Dr. Prakash Chhajlani aus Indore, Indien, und dem Anästhesisten Dr. Paul Schüller aus Traunstein, die beide seit 1984 unzählige Interplast-Einsätze begleiten, der Medizinstudentin im letzten Jahr Linda Kaschny aus Bad Homburg, und Gottfried Lemperle aus Frankfurt. Der vorwiegend in Myanmar tätige Dr. Heinz Schöneich aus München stieß mit Paul direkt von einem Interplast-Einsatz in Tanga, Tansania, später dazu.


Das Camp hatte Dr. Harmonie Linda Mitila, die schon drei mal mit uns in Goma operiert hatte, in Zusammenarbeit mit dem Health Ministry in Kinshasa vorbereitet. Der einzige plastische Chirurg im Kongo, Dr. Richard Batiteyan (Ausbildung in Belgien) und sein Assistent Dr. Frederick Moko, 2 erfahrene Anästhesisten und weitere vier jungen Chirurgen halfen tatkräftig mit.


Das Health Ministry hatte uns statt der vereinbarten Universitätsklinik ein seit Jahren still gelegtes Hospital im Vorort Kinkole zugewiesen, in dem ein Pavillon mit kleinem OP-Trakt und 3 Patienten-Zimmern stand. Ein Dieselgenerator wurde für die Op-Lampen und unsere Handys angeworfen und mit etwas Wasser konnten Instrumente und Kittel gewaschen und in einem modernen Steri sterilisiert werden. Ein Anästhesiegerät wurde geleast und die notwendigen dort sehr teuren Narkosemittel gekauft.


Die meisten operierten 88 Patienten hatten große gut- oder bösartige Knochentumore im Gesicht, die oft schon vor Jahren subradikal operiert worden waren, oder extreme Verbrennungs-Kontrakturen vorwiegend an Elenbeugen und Händen. Wir hätten statt in den vereinbarten 8 OP-Tagen einen ganzen Monat operieren können, nur um die uns vorgestellten auffälligsten Verunstaltungen zu beheben. Mit dem für Afrikaner typischen Gleichmut ließen sich jedoch die Patienten mit weniger ausgeprägten Tumoren und Kontrakturen auf nächstes Jahr vertrösten. An angeborenen Fehlbildungen operierten wir nur eine Gaumenfistel; auch in der Hauptstadt werden wie an vielen Orten in Afrika die Neugeborenen, die später nicht zu verheiraten sind, dem Kongo übergeben.


Die 28 Patienten mit extremen Gesichtstumoren, von denen viele schon einmal operiert waren, und die ca. 20 mit Verbrennungskontrakturen ihrer Arme und Hände waren geduldig und postoperativ zufrieden. Sie ertrugen ihre Einschränkungen vorbildlich und alle Wunden verheilten komplikationslos und trotz mangelnder Hygiene im Op. ohne nennenswerte Infektionen.


Wir bedanken uns wieder herzlichst bei Pro-Interplast e.V., das diesen Einsatz wie so viele davor, ermöglicht hatte – und bei der Catgut GmbH in Markneukirchen, der Serag-Wiessner GmbH in Naila für das notwendige Nahtmaterial, sowie bei der Fa. Novidion in Köln für die Pulox-Hautklammer-Geräte.



Abb. 1a+b Voroperiertes Ameloblastom des Unterkiefers, diesmal radikal entfernt mit sub-optimaler Rekonstruktion des Unterkiefers mit einer Metallplatte.



Abb. 2a+b Innerhalb von 12 Jahren gewachsene Fibröse Dysplasie des rechten Oberkiefers. Radikale Extirpation und Rekonstruktion mit verbliebenen Periost-Knochen-Lappen.


Gottfried Lemperle, Frankfurt

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