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  • Hans Jacob

Der 3. Einsatz in Goma, August 2016

Über die ersten beiden Einsätze in Goma, Demokratische Republik Kongo, hatte Gottfried Lemperle bereits berichtet. Diesmal fand er in uns ein weiteres begeistertes Team: die plastischen Chirurgen Christoph Sachs vom Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin und Katja Kassem aus Donaueschingen, und Carsten Schröder, Anästhesist in Zürich (Abb.1).


Was Gottfried für besonders wichtig erachtet: die Einbindung der lokalen Chirurgen und Anästhesisten: Dr. Christophe Kimona, einen früheren chirurgischen Chefarzt und vorgesehen für unser neues Hospital, Dr. Harmony Linda Mitila, im 3. Jahr Chirurgie, die Assistentin Dr.Emilie Amisi, sowie die Anästhesie-Pfleger Jason, Castram und Christian, und die Op-Schwestern Colette und Cynthia. Die einheimischen Chirurgen sollen ja irgendwann auch ihre plastisch-chirurgischen Patienten selber versorgen können!

Eingeladen wurden wir wiederum von der Kirche des Nazareners in Goma und ihrem Reverend Balibanga, der Dr. John Maganga im CEDIGO-Hospital überzeugte, auch ein 3. Interplast-Team in seinem Hospital operieren zu lassen. Über Addis Abeba flogen wir nach Goma, das seinen 2002 von Lavamassen überfluteten Airport am 20. Februar 2015 mit finanzieller Hilfe von Deutschland und Aussenminister Steinmeier wieder eröffnet konnte.

Zuvor kam ein modernisiertes Dräger-Narkosegerät, sowie verspätet von Katja erbettelte OP-Materialien in 4 super-Metall-Kisten dort an, die die Firma Haas Logistig GmbH in Dunningen stiftete und unentgeltlich nach Goma verfrachtete. Zölle werden überall in Afrika nicht nach Vorschriften sondern nach Gutdünken des lokalen Offiziers erhoben: Reverend Balibanga kannte jedoch seine Schäfchen - und gab ihm statt Zoll wahrscheinlich einen wichtigeren Ablaß-Segen.


Das Cedigo-Hospital, heute eher eine Blutbank, mit der sich mehr Geld verdienen lässt als mit Chirurgie, kannte die Power bereits, mit der Interplast-Teams zu operieren pflegen und war bestens vorbereitet. In dem ca. 30 qm grossen OP-Saal standen 2 OP-Tische, das deutsche Anästhesiegerät, eine neue 2. OP-Lampe, ein Absauggerät und 2 Ablagen für Lokale, Verbände und Nähte. Aber immer noch kein fliessend Wasser. Das Auspacken der 3 x 4 Koffer und Kisten erfolgte unter den gierigen Augen der Beschäftigten, da wir wiederum Laptops, Kameras und Uhren mitbrachten und ihnen auch unsere Koffer wieder überliessen.


Dr. Eric von der Kirche der Nazarener hatte von ca. 400 Patienten die Anamnesen erhoben, sie fotografiert und je 50 pro OP-Tag einbestellt. Sie sassen geduldig auf dem Rasen vor dem Hospital, als wir am nächsten Morgen - wie jeden Morgen - die zu Operierenden aussuchten: ca. 5 große Gesichtstumore in Anästhesie, 10 kontrakte Hände oder Beine in Leitungs-Anästhesie, und ca. 20 Keloide (Abb. 2 ud 3) und kleinere Exzisionen in Lokaler. Das Bett im „Aufwachraum“ schoben wir mit dem Kopfende an das Fenster, sodass 2 weibliche oder männliche Patienten zusammen dort aufgelegt werden konnten, die dann von Drs. Harmonie und Emily operiert wurden: viele große reife Keloide, Mamma-Tumore, Gesichtsnarben, Neurofibrome, etc.


Desinfiziert wurden unsere Hände mit etwas Seife und Wasser aus einem Eimer, und einigen Spritzern Sterisept. Nach Angaben von Dr. Eric, der alle Patienten nach unserer Abreise weiter betreute, gab es nicht eine post-operative Infektion, und alle Haut-Transplantate heilten zufriedenstellend ein.


Dr. Eric hatte von Gottfried eine Dermojet-Impfpistole, die sonst Veterinäre benutzen, mit 2 x 100 Ampullen TRIAM 40 mitgebracht bekommen, um entweder noch frische Keloide damit zu verkleinern, oder die von uns operierten Keloide gegebenfalls nach 2-3 Monaten am Rezidivieren zu verhindern. Gottfried glaubt ja, dass die Ursache der meisten Keloide eine Infektion war - und Rezidive nach Exzision „reifer“ Keloide nur nach erneuter post-operativer Infektion auftreten. Deshalb zwang er uns, vor dem Wundverschluss, die noch offene Wunde mit Gentamicin oder Cefalotin zu beträufeln.


Carsten kümmerte sich rührend um die 3 „Anästhesisten“, die nicht viel theoretisches Wissen mitbrachten. Christoph und Katja nahmen sich der vielen „frozen hands“ und Verbrennungen an, Gottfried operierte 6 grosse Gesichtstumore (Fibrodyplasien, Sarkome) und beaufsichtigte die einfacheren Exzisionen durch Harmony und Emilie am Fenster - und Katja verstand es prächtig, die beiden OP-Schwestern und Putzfrauen bei Laune und lautem Dauer-Gelächter zu halten.


Ohne deren guter Laune und ihrem fleissigem Waschen und Desinfizieren der Instrument (meist in einer Lösung, aber auch in ihrem undichten Autoklaven), hätten wir nicht täglich bis zu 20 Operationen machen können. So wurden in 10 Operations-Tagen insgesamt 187 Patienten operiert, 18 in Allgemein-Narkose, 20 in Spinal- oder Leitungsanästhesie, 16 in Analgosedierung, und 133 in lokaler. Im entfernteren Ndoso-Hospital des Int. Roten Kreuzes operierte Gottfried mit Carsten die beiden mutilierten Goldgräber des Vorjahres noch einmal, sowie 2 Patienten mit zentralen Schussverletzungen des Gesichtes.


Um die Nachsorge mussten wir uns kaum kümmern: in jedem der 3 Patienten-Zimmer lagen oft 6-9 Patienten zusammen in den 3 Betten oder auf dem Boden. Sobald sie stehen konnten wurden sie entlassen und traten den Heimweg oft auf den Motorrad-Taxis an, d.h. noch benebelt zwischen Fahrer und Angehörigen geklemmt.


Harmonie und Emily waren äusserst engagiert und operierten meist selbstständig von morgens bis abends. Harmony macht inzwischen in Kinshasa ihre chirurgische Ausbildung, - und Katja überzeugte Eric, sein 3. neugeborenes Töchterchen nicht „Gottfried“ sondern Frieda zu nennen, wohl aus Dank für ein neues Laptop und die Impfpistole, mit der er sich pro Schuss von den wohlhabenderen Keloid-Patienten etwas dazu verdienen soll.


Wir danken herzlichst der Aesculap AG in Tuttlingen, der Haas Logistic GmbH in Dunningen, der Einhorn Apotheke in Blumberg, Frau Almut Meyer, dem Schwarzwald-Baar Klinikum, und Liberi pacifer e.V. - ohne deren Hilfe dieser Einsatz nicht zustande gekommen wäre.


Katja Kassem, Donaueschingen



Abb 1. Das Team: Christoph, Katja, Colette, Carsten, Jason, Gottfried, Cynthia.

Abb. 2 : „Reifes“ Keloid, das angeblich seit 2 Jahren nicht mehr wächst - und deshalb eine Indikation zur Operation darstellt.

Abb. 3: 4 Wochen nach der Exzision: sollten sich Rezidive bilden, hatte der nachsorgende Arzt eine TRIAM-Pistole zur Hand, deren Einsatz aber nicht notwendig wurde.

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