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  • Hans Jacob

Der 5. Einsatz in Goma, Juni 2018

Aktualisiert: 5. Juli 2021

Teilnehmer waren, wie bei den Einsätzen 2016 und 2017, Gottfried Lemperle, Katja Kassem, Carsten Schröder und Christoph Sachs. Wir operierten wieder im OP der privaten Blutbank CEDIGO von Dr. Jean Maganga, da wir in keinem der 5 größeren Krankenhäuser der Millionen-Stadt Eingang fanden.


Die Sicherheitslage erscheint weiterhin gut, da viel einheimisches und internationales Militär in Goma stationiert ist. Die politische Situation im Kongo ist unverändert, Neuwahlen sind für den Dezember geplant: Joseph Kabila, der nicht mehr antreten darf, wird wohl ein 4. Mal gewählt, da er die Oppositions-Politiker verschwinden ließ oder im Gefängnis hält. Angeblich hat er 50 Milliarden $ in die Schweiz geschafft. Alle afrikanischen Diktatoren bluten ihr Volk aus und schaffen es nur mit ihrem Militär, immer wiedergewählt zu werden. Die infrastrukturelle Situation in Goma verbessert sich weiter, wenn auch langsam. Auffallend ist die Zunahme an Straßenbeleuchtung und asphaltierten Straßen. Von Dr. Maganga und der lokale Kirche des Nazarener wurde unser Einsatz wieder über Radio und die lokalen Medien angekündigt, sodass ca. 400 Patienten auch aus den entlegenen Dörfern in den Rebellen-Gebieten, teils über 100 Kilometer entfernt, den Weg nach Goma fanden.

Auch bei dem diesjährigen Einsatz wurde ein wesentliches Augenmerk auf die Einbindung und Ausbildung der beiden früheren Kolleginnen Harmonie Mitila aus Kinshasa und Emilie Amisi aus Bukavu, sowie der vier lokalen Assistenten gelegt. Die letzteren operierten engagiert ca. 120 Patienten mit Keloiden, Lipomen, Atheromen und Ganglien auf einem gemeinsamen Bett am Fenster. Auch Harmonie und Emilie operierten weitgehend selbststädig ca. 50 größere Hauttumore und kontrakte Narben, sodaß unserem Team die ca. 80 großen Gesichtstumore und ausgedehnten Verbrennungs-Kontrakturen in Narkose, Plexus- oder Spinalanästhesie blieben. Auf den 4 Op-Plätzen konnten in 10 Op-Tagen insgesamt 303 weitgehend von ihrem Leiden befreit werden. Wie unser Nachsorge-Arzt Dr. Eric Kitoga berichtet, gab es nur zwei Sekundärheilungen: nach Exzision eines großen Keloids und an Z-Plastiken an einem verbrannten Arm.

Wieder standen am 1. Sonntag alle 400 Patienten im Vorgarten des Hospitals, diesmal mit einem auffallend großem Anteil an grotesken Kopf- und Hals-Tumoren. Da es in der Provinz Kivu-Nord keine chirurgische Versorgung gibt, wachsen gut- und bösartige Tumore ins Uferlose. In Goma selbst gibt es für Arme kein Röntgenbild oder CT, noch eine funktionierende Pathologie oder Chemotherapie, sodaß wir die Tumor-Diagnostik aufgrund der Anamnese und des klinischen und intra-operativen Befundes nur vermuten - und entsprechend radikal operieren mussten. Katja Kassem nahm jedoch 30 Tumor-Proben in Formalin für ihren Pathologen mit nach Deutschland. Nach unserem Rückflug operierte Dr. Kimona noch 30 Patientinnen mit riesigen Strumen; er hospitierte auf Einladung von Prof. Horch und seines Rotary-Clubs Erlangen im März 6 Wochen in der plastischen Chirurgie der Universität Erlangen. Auffallend ist, dass durch die Konstanz der jährlichen Einsätze mit dem gleichen ärztlichen Personal die Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort immer besser wird. Man hat sich aufeinander gefreut, versteht sich zum Teil blind, kennt die Gegebenheiten und Möglichkeiten, und kommuniziert weitgehend nonverbal. Auch nimmt von Einsatz zu Einsatz die Struktur in der Klinik zu, indem jedes Jahr unsere medizinischen Geräte und Instrumente vorort bleiben, was die Organistation und Patientenversorgung, aber besonders die Nachsorge merklich verbessert. So wurde dieses Jahr ein Defibrillator mit der Möglichkeit zum Monitoring, mehrere Sauerstoffsättigungsclips, und ein elektrisches Dermatom mitgebracht und dort gelassen.

Der Bedarf an plastisch chirurgischer Versorgung ist im Ostcongo weiterhin immens, sodaß auch dieses Jahr wieder zahlreiche Patienten auf nächstes Jahr vertröstet werden mussten. In Zusammenarbeit mit der Universität Goma gründeten die einheimischen Kollegen während unseres Aufenthaltes „Interplast-Goma“, um den Interplast-Gedanken fortzuführen (www.interplast-germany.de). Mit dem Status einer Non-Governmental-Organisation (NGO) hoffen sie, öffentliche Gelder und Spenden vor Ort zu akquirieren.

Da aufgrund der Zunahme an einheimischen Kollegen, die unsere Einsätze begleiten, und der privatwirtschaftlichen Nutzung des CEDIGO Hospitals Kapazitätsgrenzen vorprogrammiert sind, soll die vorhandene Ambulanz der Kirche des Nazarener mit einem Operationssaal und Betten ausgebaut werden, um in Goma ein eigenes Operationszentrum zu errichten. Ein entsprechender Antrag liegt dem BMZ in Bonn vor – das im Frühjahr 2018 unseren Antrag auf ein 2-stöckiges Hospital in Goma mit der Begründung einer fehlenden Nachhaltigkeit abgelehnt hatte.

Im Rahmen des nächsten Einsatzes im April 2019 soll auch eine neue Behandlungsstätte in Bukavu, am Südende des Kivu See, eruiert werden. In einem dortiges Universitäts- Krankenhaus könnte die präoperative Diagnostik und die postoperative Betreuung der Patienten deutlich verbessert werden. Gottfried Lemperle fliegt auf Einladung des kongolesischen Gesundheitsministers im Oktober in die Hauptstadt Kinshasa, wo Harmonie in ihrem Universitäts-Hospital ein erstes Interplast-Camp organisieren wird.

Herzlichen danken dürfen wir wieder Pro-Interplast Seligenstadt e.V. für das finanzielle Aufkommen unseres Einsatzes, und den Firmen Catgut GmbH, Combustin GmbH, Paul Hartmann AG, MIP-Pharma, Novidion GmbH, und der Serag-Wiesner AG für unglaublich viele Op-Materialien für die weit über 300 Operationen in Goma.

Christoph Sachs, Berlin




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